Aufruf von Frauen aus den Banlieues¹

(Dieser Aufruf wurde im Jahr 2007 anlässlich des 2. Sozialforums der Banlieues veröffentlicht)

 

Wird über Jugendliche aus den Banlieues gesprochen, dann geht es eindeutig nur um Jungen/Männer. Werden Mädchen/Frauen von den Medien, den Politiker_innen und den Vereinen in den Vordergrund gestellt, dann nur anhand des Bildes der Frau als Opfer oder Unterworfene der Gesetze ihrer Brüder und Väter, oder stigmatisiert als Mutter.

Außerdem beschreibt die Geschichte des Feminismus im Okzident den Kampf der Frauen um Rechte (Abtreibung, Bürgerrechte, Arbeitsrechte…), ohne auch nur einmal die migrantischen Frauen zu erwähnen. Als Frauen erkennen wir uns natürlich in diesen feministischen Kämpfen. Was dadurch erkämpft wurde, gilt es weiterhin zu verteidigen. Doch müssen wir die Tatsache hinterfragen, dass sich viele Feministinnen den Forderungen und Aktionen von Frauen mit Migrationshintergründen und/oder aus unteren sozialen Schichten nicht angeschlossen und nicht unterstützt haben.

Die Existenz, das Gedächtnis, die alten und aktuellen Forderungen der Frauen aus den Banlieues weiterhin unterzubewerten und zu instrumentalisieren, zeugt angesichts deren Rolle, Lebenserfahrungen und Kämpfe von einer großen Missachtung. Wenn sie nicht schlechthin unsichtbar gemacht werden.

Wie viele Jugendliche, Mädchen und Jungen aus unteren sozialen Schichten haben schon von den Aktionen und Kämpfen, die von migrantischen Frauen geführt wurden, etwas gehört?

Wer kennt die Rolle von KünstlerInnen aus den 50er und 60er Jahren bei ihrem Kampf gegen Rassismus und Kolonialismus? Die Kämpfe von jungen Frauen im aktivistischen Theater der 70er Jahren («Les Flamants» in Marseille, «Ya willi-willi» in Nanterre oder die ANGI in Aubervilliers)? Oder bei der Gründung von Frauenvereinen, stammen sie aus Afrika, Spanien oder die Dom-Tom2 ? Wer kennt das Engagement der Frauen in den 80ern (das Collectif Jeunes in Paris, Zaâma de Banlieue in Lyon und noch viele andere…)? Und deren Instrumentalisierung später von politischen Parteien?

Wer hat schon von der Kundgebung von Frauen gegen Razzien von Algeriern in Saint-Etienne in den 50er Jahren gehört3 ? Oder von den Kundgebungen der Mütter gegen rassistische und polizeiliche Morde auf dem Place Vendôme in Paris 1984 ?

Wie vielewissen von der Rolle der Frauen bei der Organisierung der «Märsche für Gleichheit und gegen Rassismus» im Jahr 1983 4? Und von deren wichtigen Rolle insbesondere bei dem Collectif jeunes in der Pariser Region, bei der Initiative Convergence 84 5und darüber hinaus in den darauf folgenden Kämpfen der migrantischen Frauen und/oder Kämpfen in den Banlieues?

Wer kennt die Geschichte jener Putzfrauen, die sich 2002 gegen deren Arbeitgeber, das Unternehmen Arcade, organisiert haben? Ihren Prozess vor dem Arbeitsgericht haben sie gewonnen und konnten nach einem Jahr des Streiks wieder eingestellt werden. Wer weiß das schon?

Wir sind reich an den Kämpfen, die unsere Älteren geführt haben. Doch zeichnet sich in Frankreich die Geschichte, die uns in der Schule gelehrt wird, oder die in der linken Szene in den Vordergrund gestellt wird, durch eine große Selektivität aus.

Als Frauen aus den Banlieues sind wir alltäglich mit sexistischen, rassistischen und sozialen Unterdrückungen konfrontiert, da wir diese gleichzeitig erleben bei der Arbeit, in der Schule, in unseren Familien und innerhalb der linken Szene.

Unsere Erfahrungen sowie jene älterer Aktivistinnen werden sozial herabgesetzt. Diese Nicht-Anerkennung des Platzes und der Rolle, die Einige von uns gestern wie heute in den feministischen Kämpfen und darüber hinaus in den Kämpfen in den Banlieues gespielt haben, führen zu einer wahrhaften Amnesie der Geschichte.

Wir denunzieren und lehnen im allgemeinen jene Sicht der Dinge ab, welche all zu oft zu einer Infantilisierung und einer Instrumentalisierung der Frauen aus den Banlieues führt, sie in eine Opferrolle drückt.

Nicht zuletzt möchte man uns glauben lassen, dass sich das weibliche Ideal durch Kleidung ausdrückt! Dass Frauen aus den unteren sozialen Schichten dazu unfähig wären, sich zu organisieren. Dass migrantische Frauen, welche stets auf den Exotismus des «Couscous-Merguez» und die Fantasie des Bauchtanzes verwiesen werden, dazu noch für den Kampf dankbar sein sollten, den andere, Männer oder Frauen, für sie und natürlich für ihr Wohl führen würden!

Unsere Forderungen zielen heute auf die Gleichheit in allen Bereichen, auf der ökonomischen Ebene (gegen die Prekarität und die weibliche Überarbeitslosigkeit, für eine Verbesserung der Lebensbedingungen der «Älteren»), auf der sozialen Ebene (gegen symbolische und körperliche Gewalt und für das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper) und auf der politischen Ebene (gegen den diskriminierenden persönlichen Status der Herkunftsländer, gegen den Rassismus gegenüber «sichtbare» Minderheiten…Und gegen jegliche Form der Diskriminierung: wegen der sexuellen Orientierung, des Geschlechtes, einer Behinderung, usw.).

Wir lehnen außerdem einige Gesetze ab, die in letzter Zeit verabschieden worden sind und als «feministische» Gesetze dargestellt werden. Wir sind gegen Gesetze, die Frauen bestrafen: das Gesetz vom 15. März 2004, das muslimische Jugendliche die ein Kopftuch tragen, aus öffentlichen Schulen ausschließt, sowie das sogenannte Gesetz zum passiven Kundenfang. Diese gelten für uns als anti-feministische Gesetze. Sie kriminalisieren und schließen Frauen aus der Gesellschaft aus, die medial und sozial als «Opfer und Unterworfene» dargestellt werden.

 

Damit unsere Forderungen eine Chance haben, wahrgenommen und verwirklicht zu werden, müssen sie gemeinsam und solidarisch getragen werden.

Weil diese Fragen alle betreffen und keine spezifisch separat zu behandelnde Fragen sind, wollen wir, dass sie von allen Aktivistinnen und Aktivisten sowie von allen TeilnehmerInnen dieses Sozialforums der Banlieues (Forum social des quartiers populaires, FSQP) aufgegriffen werden. Wir brauchen einen kollektiven Ausdruck, der über die Addition individueller Aktionen der Einen oder Anderen hinausgeht. Diese landesweite Veranstaltung wird uns die Gelegenheit dazu geben. Räume und Zeiten für Frauen, für diejenigen die es wünschen, werden auch organisiert.

Das FSQP stellt für uns eine Gelegenheit dar, uns kennen zu lernen, uns über unsere Erfahrungen auszutauschen, unserer Geschichte und unseren Kämpfen eine Sichtbarkeit zu verleihen. Wir hoffen, dass wir uns treffen können, um unter Frauen über die Art und Weise nachzudenken und zu diskutieren, wie diese Fragen in den unterschiedlichen Debatten, Workshops, Ausstellungen, Filmvorführungen im Rahmen dieses FSQP vorkommen können.

Solange die Privatsphäre nur Frauensache bleibt, wird uns die öffentliche Sphäre aus den Fingern gleiten.

Fordern wir einen solidarischen Feminismus, einen Feminismus, der uns nicht zu Opfern macht und im Gegenteil die Autonomie unseres Wortes und unserer Kämpfe voranbringt. Es bleibt dabei, alles aufzubauen und Vorstellungen zu entwickeln für dieses FSQP, aber auch danach – über diese landesweite Veranstaltung hinaus!

Kommt zu uns!

Wir warten auf euch!

 

Frauen, die sich in die Dynamik des FSQPs einbringen

 

 

1 An der Stelle von «Banlieues» kommt hier im Französischen der Begriff «quartiers populaires» (etwa: populäre Stadtteile), welche in den Sozialwissenschaften eingeführt wurde, um die ehemaligen Arbeiterviertel zu bezeichnen, deren BewohnerInnen heute mit einer hoher Arbeitslosigkeit und prekären Arbeitsbedingungen umgehen müssen. Dadurch soll eher eine soziale Zusammensetzung als eine – nicht so klare – geographische Lage betont werden.

2 Dom-Tom: Départements und Territorien des Übersees, ehemalige Kolonien, die immer noch dem französischen Staat gehören.

3 Während des Unabhängigkeitskrieges von Algerien, der von dem französischen Staat nie als Krieg anerkannt wurde, sondern heute noch als blosse «Erreignisse» bezeichnet wird.

4 Dieser Marsch fing Ende 1983 in Marseille an und endete mit 100.000 Menschen in Paris, wo sich die Organisatoren mit der Regierung treffen und einige Forderungen durchsetzen konnten, wie z. Bsp. Die Schaffung einer Aufenthaltsgenehmigung von 10 Jahren – die seitdem abgeschafft wurde. Der Auslöser des Marsches war ein Polizeischuss auf einen besonders sozial-politisch aktiven Jugendlichen in der Nähe von Lyon. Dies im Kontext steigender rassistischen und polizeilischen Gewalt und Morde, Massenentlassungen von Arbeitern insbesondere mit migrantischen Hintergründen. Lesen dazu: «Die Banlieues als politisches Experimentierfeld des französischen Staates», E. Piriot in «Banlieues: die Zeit der Forderungen ist vorbei, Assoziation A, 2009.

5 Der Collectif jeunes hatte bei der Organisierung des Marsches von 1983 besonders mitgewirkt. Das folgende Jahr organisierte Convergence 84 einen ähnlichen Marsch, der nicht so viel Erfolg hatte, weil linke Parteien sowie der Staatsapparat antirassistische Proteste vereinnahmt hatten.

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