Ein Film, eine Ausstellung, eine Vorstadt: «Einige von uns»

(Artikel von Maud Pascal aus der französischen Ausgabe der Le Monde Diplomatique, Januar 2006)

Weil sie genug hatten von den Bildern, die in den Medien über die Banlieues verbreitet werden, haben Frauen aus dem Stadtteilhaus der Tilleuls in Blanc-Mesnil in der Nähe von Paris entschieden, die Klischees zu brechen. Das Ergebnis ist «Einige von uns», eine Ausstellung mit Fotos und Texten, erarbeitet von 20 Leuten im Alter von 30 bis 75 Jahren zusammen mit einer Journalistin und einer Fotografin.

Das Haus der Tilleuls in Blanc-Mesnil, ein bescheidenes soziales Zentrum inmitten einer gewöhnlichen Wohnsiedlung, ist für die nationalen und internationalen Medien plötzlich zu einem Brennpunkt dieser besorgniserregenden Banlieues der Seine-Saint-Denis geworden.

Nach einem Angriff mit Molotov-Cocktails auf das Stadtteilhaus wurde dessen Erdgeschoss mit Archiven, Computern, Bücher, Spiele und Möbeln komplett zerstört. Sonst wurde hier im Schatten beharrlich und kreativ zum Thema «gemeinsam leben und entscheiden» gearbeitet, doch jetzt stand das Stadtteilhaus plötzlich in der medialen Öffentlichkeit. Bei den Bewohner_innen bewirkte dies einen Schock. Das Kollektiv Quelques-unes d’entre nous wurde von den Medienvertreter_innen dermaßen belagert, dass ihre Mitglieder_innen einen offenen Brief an die Medien schrieben:

„Wenn man nicht akzeptieren kann – wie Sie schreiben – dass herabgesetzte, marginalisierte und diskriminierte Jugendliche kein anderes Ausdrucksmittel als die Gewalt haben, wie kann man dann akzeptieren, dass diejenigen die über alle Ausdrucksmitteln verfügen, diese anwenden um Nicht-Information und Angst zu erzeugen, was für uns eine sehr große Gewalt bedeutet?“

Wir haben in den Medien Konfrontationen zwischen Jugendlichen – fast alle nord-afrikanisch oder schwarz – und der Polizei gesehen. Wir haben brennende Autos, geplünderte Einrichtungen und erschrockene Menschen gesehen. Wir waren selbst erschrocken, aber von der Art und Weise wie CRS-Polizeieinheiten in unsere Stadtteile hinein gekommen sind, (…) wie sie uns schubsten und uns beschimpften, als kämen sie um uns zu bekriegen – davon haben wir nichts gesehen. Wir haben nichts von den ständigen Personalienkontrollen gesehen, bei welchen diese Jugendliche wegen ihrem Aussehen festgenommen, brutal behandelt und am Boden gehalten werden, wir haben nichts von der Angst ihrer Mütter gesehen, von dem Leben der Leute, die in dem Not sind.

Als wir mit allen Bewohner_innen Versammlungen ins Leben gerufen haben, Kundgebungen und Märsche in unserer Stadt organisiert und Räume für Diskussionen geöffnet haben, um diese aufgestaute Wut nicht von den rassistischen und ausländerfeindlichen Aussagen verdecken zu lassen, wurden wir als «gute Bürger» dargestellt, die sich von den «schlechten» abgrenzen würden.

Wir lehnen diese Abgrenzungslinie ab. Dieser Bruch ist nicht der Unsere, sondern jener der französischen Gesellschaft. Diese ist unfähig ihren multikulturellen Charakter anzuerkennen, den Platz all jener Franzosen «ausländischer Herkunft» zu denken, die sie nicht als Ihre betrachten möchte. Und dies schafft Ausgrenzung. Araber, Schwarze, Weiße, Gelbe, Grüne – mehr als dreißig Nationalitäten haben hier im Haus miteinander zu tun, und das ist für uns ein Reichtum.

Es geht uns darum, gemeinsam und solidarisch zu sein, die Wahrheit über den Tod der zwei Jugendlichen aus Clichy-sous-bois zu fordern. Wir wollen sichtbar und friedlich die Politik der Regierung und die verantwortungslosen und aufrührerischen Aussagen des Innenministers Sarkozy entlarfen1. Diese Aussagen gehen viel weiter als alles, was schon über die Jugendlichen gesagt wurde. Zusammen mit ihnen werden wir erniedrigt. Was sich abspielt, betrifft uns alle, es ist ein soziales und politisches Problem, nicht ein Problem der Chaoten. (…)

Das Haus der Tilleuls ist ein offener Ort, wo wir gemeinsam unser Leben denken wollen, mit den Bewohner_innen des Stadtteiles, der Stadt und der Welt, mit all denen, die durch dessen Tür treten wollen.»

1 Ende Oktober 2005 hatte Nicolas Sarkozy anlässlisch der Vorstellung der neuen Aufteilung der polizeilischen Kräfte in den Banlieues vor den Kameras gerufen : « Ihr habt die Schnauze voll von diesem Abschaum ? Wir werden ihnen los damit ! ». Dies erreignete wenige Tage vor dem Tod der zwei Jugendlichen in Clichy-sous-bois, der wochenlange Revolten landesweit auslöste.

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